Zitat des Monats

„Wolltest du nicht klettern?“ [...] Für einen Augenblick drängte Ben sich ein Bild auf, wie Anders ganz oben, in der freien Spitze des Baums, so gut seine Füße noch Halt fanden, sich kerzengerade aufrichtete, ein Menschenfleck in einem Meer von Rot, der langsam die Augen schloss, die Arme zum Himmel hin ausbreitete und mit einem letzten federnden Sprung emporschnellte, denn er besaß brennende Flügel, schwarze Schwingen, die ihn tragen würden bis - „Oh, Scheiße, Alter!“ Nisses Schrei war laut. Anders’ Sturz war laut [...]

„Er hat was getan?“, stieß Laura Wickert aus, ihre Hände flogen über den auf der Pritsche ausgestreckten, halb nackten Kinderkörper, suchten, betasteten, drückten. Felix sah verheerend aus […]

„Geklettert. Und dann ist er runtergefallen.“
„Aus welcher Höhe?“
„Von ganz oben.“
„Das ist relativ. Wie hoch ist der Baum?“
„Es ist diese rote Buche. Die an der Lahn, der ganz alte Baum. Ich weiß nicht. Dreißig Meter?“
Grundgütiger.
Laura ließ von Felix ab. […] Sie spürte Zorn in sich aufsteigen.
„Und ihr habt ihn da einfach raufklettern lassen?“, blaffte sie los. „Obwohl ihr wusstet, dass er sich letztes Jahr schwerste Kopfverletzungen zugezogen hatte? Verletzungen, die höchstwahrscheinlich zu seinem Gedächtnisverlust geführt haben und von denen wir jetzt noch nicht wissen, ob sie überhaupt schon alle verheilt sind?“

(Aus: Andreas Steinhöfel: Anders. Hamburg 2014, 129 f.)

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