Zitat des Monats

Am Abend gingen wir […] in den „Goldenen Anker“. Das Publikum strömte in Scharen nach dem Haus, so dass ich ganz erstaunt war; aber die Leute verschwanden alle hinter den Flügeltüren eines Saales im Parterre, während wir in die zweite Etage hinaufstiegen, wo es viel stiller zuging.
„Was ist denn da unten los?“, fragte ich den Sekretär.
„Ach, die Biermusik. Das ist jeden Samstag.“
Ehe Schievelbeins mich verließen, um in den Saal zu gehen, ergriff die gute Frau in einer plötzlichen Wallung meine Hand, drückte sie begeistert und sagte leise: „Ach, ich freue mich ja so furchtbar auf diesen Abend!“
„Warum denn?“, konnte ich nur sagen, denn mir war ganz anders zumute.
„Nun“, rief sie herzlich, „es gibt doch nichts Schöneres, als wenn man sich wieder einmal so richtig auslachen kann!“
Damit eilte sie davon, froh wie ein Kind am Morgen seines Geburtstages.
Das konnte gut werden.
Ich stürzte mich auf den Sekretär. „Was denken sich die Leute eigentlich unter diesem Vortrag?“, rief ich hastig. „Mir scheint, sie erwarten etwas ganz anderes als einen Autorenabend.“
Ja, stammelte er kleinlaut, das könne er unmöglich wissen. Man nehme an, ich werde lustige Sachen vortragen, vielleicht auch singen, das andere sei meine Sache – und überhaupt, bei diesem miserablen Besuch –
Ich jagte ihn hinaus und wartete in bedrückter Stimmung […] [Im Saal] standen etwa zwanzig Stuhlreihen, von denen drei oder vier besetzt waren, […] ganz vorn Herr und Frau Schievelbein.. Es half alles nichts; ich musste beginnen.
So las ich denn in Gottes Namen ein Gedicht vor…

(Aus: Hermann Hesse „Autorenabend“)

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