Zitat des Monats

…Ob ich mein Land liebe, so lautete die erste Frage eines Zwölfjährigen, und als ich druckste, von den allgemeinen Schwierigkeiten sprach, ein Land zu lieben, da sah er mich sehr verwundert an; er hatte offensichtlich eine kürzere, eine kommentarlose Antwort erwartet. Verwunderung, wenn nicht Ratlosigkeit hinterließ ich auch bei einem langwimprigen Mädchen, das nur wissen wollte, wie viel Kinder ich habe. Keine Kinder?

In deinem Alter? Seltsam. Ein adrettes Bürschchen fragte mich nach meinem ersten Klassenlehrer, und ich erzählte von dem gütigen, armen Mann im fernen Masuren, der immer müde war, der manchmal auf dem Katheder einschlief – was wir zum Anlass nahmen, ihm komische Zeichnungen auf den Rücken zu heften oder einen Wecker im Ofen rasseln zu lassen. Das Bürschchen hörte es mit Staunen, mit ungläubigem Blick, mit den eigenen Lehrern Scherze zu treiben? Auf diese Art? Undenkbar. Sie fragten mich nach meinem Lieblingsessen und nach meinem Lieblingsfach, sie wollten wissen, welch eine Kamera ich besitze und wie die Blumen in meinem Garten aussehen, und als ich schon glaubte, dass die Frage, die mir in Japan am häufigsten gestellt wurde, in der Schulklasse nicht beantwortet zu werden brauchte, da meldete sich ein zartes Jüngelchen: Wie findest du Japan? …

(Aus: Siegfried Lenz, Eine Schulstunde auf japanisch)

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