Archiv für die Kategorie ‘Literarische Bemerkung’

Zitat des Monats

Sonntag, 01. Januar 2017

„In Damaskus fühlt sich jeder Gastgeber beleidigt, wenn seine Gäste etwas zu Essen mitbringen. Und kein Araber käme auf die Idee, selber zu kochen oder zu backen, wenn er bei jemanden eingeladen ist. Die Deutschen sind anders. Wenn man sie einlädt, bringen sie stets etwas mit: … in der Regel Nudelsalat. Auch nach 22 Jahren in Deutschland finde ich ihn noch schrecklich.

In Damaskus hungert ein Gast am Tag der Einladung, weil er weiß, dass ihm eine Prüfung bevorsteht. [...] Deutsche einzuladen ist angenehm. Sie kommen pünktlich, essen wenig und fragen neugierig nach dem Rezept; … sie sind auch präzise in ihren Angaben. Wenn sie sagen, sie kommen zu fünft, dann kommen sie zu fünft. ..So großartig Araber als Gastgeber sind, als Gäste sind sie dagegen furchtbar. Sie sagen, sie kommen zu dritt um zwölf Uhr zum Mittagessen. Um sieben Uhr abends treffen sie ein. Und vor Begeisterung über die Einladung bringen sie Nachbarn, Cousins, Tanten und Schwiegersöhne mit. Aber das bleibt ihr Geheimnis, bis sie vor der Tür stehen. Sie wollen dem Gastgeber doch eine besondere Überraschung bereiten. Einmal zählten wir in Damaskus eine Prozession von 29 Menschen vor unserer Tür, als meine Mutter ihre Schwester eingeladen hatte, um mit ihr nach dem Essen in Ruhe zu reden. [...]

Seit über zweiundzwanzig Jahren lebe ich inzwischen mit den Deutschen zusammen, und ich erkenne Veränderungen an mir. Aber die Mitbringsel der Gäste? Wein kann ich inzwischen annehmen, aber Nudelsalat - niemals.“

(Rafik Shami: Andere Sitten)

Zitat des Monats

Donnerstag, 01. September 2016

„Mein sind die Jahre nicht,
Die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht,
Die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein,
Und nehm ich den in acht
So ist der mein,
Der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

(Andreas Gryphius: Betrachtung der Zeit)

Zitat des Monats

Dienstag, 01. März 2016

„Später, als er im Bett liegt, erinnert er sich an den Satz der knochigen Frau: Wenn das Nichtstun zu schlimm wird, Organisieren wir eine Demo. Und plötzlich weiß er, warum er heute zwei Stunden auf dem Oranienplatz gesessen hat. Er hat es schon gewusst, als er im August von den Hungerstreikenden hörte, die ihre Namen nicht nennen wollten, und hat es auch gewusst, als er gestern den schwarzen Schulhof betrat, aber erst jetzt, in diesem Moment, weiß er es wirklich. Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, kann er wahrscheinlich am besten mit denen, die aus ihr herausgefallen sind. Oder in sie hineingesperrt, wenn man so will. Neben ihm, auf der zugedeckten Hälfte des Bettes, dort, wo früher seine Frau schlief, liegen ein paar von seinen Pullovern, Hosen und Hemden, die er in den letzten Tagen getragen und noch nicht weggeräumt hat.“

(Aus: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. 2015)