Archiv für die Kategorie ‘Literarische Bemerkung’

Zitat des Monats

Freitag, 01. November 2019

„Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung. Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der Stechlin«. Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt, und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an ebendieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei’s auf Island, sei’s auf Java zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinaus-getrieben wird. Dann regt sich’s auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das wissen alle, die den Stechlin umwohnen.“

(Aus: Theodor Fontane „Der Stechlin“)

Zitat des Monats

Dienstag, 01. Oktober 2019

„Nach dem Tod [meiner Eltern] war ich lange ein verwirrtes erwachsenes Waisenkind, bis mit dem Älterwerden die Panik und der Kummer Platz machten für die blühenden Erinnerungen. Ich brauchte sie nur zu pflücken. Seit ich immer besser begreife, dass Qualen nicht verschwinden, wenn man vor ihnen wegläuft. Die Qualen gehören dazu. Ich kann jetzt an … ohne Schmerzen denken, wann ich will. Alles bis in das kleinste Detail wiederbeleben, mithilfe des Duftes von Flieder, Narzissen und Sternkirschen, Bohnerwachs, des Rauchs einer Zigarette, einem Fleck auf der Tapete, einem Schluck Genever … Ich kann über Lieder, Bilder, Bücher, Gemälde und Geschichten der Vergangenheit Leben einflößen.
Es ist ja meine Vergangenheit.“

(Aus: Hermann van Veen: „Solange es leicht ist. Geschichten übers Älterwerden“)

Zitat des Monats

Samstag, 01. September 2018

„Der junge Mann war vielleicht 18, der alte ist gar nicht alt, er ist erst 57, er sieht nur aus, wie manch anderer mit 75. Alt gewordenes herzförmiges Kindergesicht. Ehemals große Augen und ein spitzes Kinn, Nasolabialfalten und Krähenfüße, aber so welche, die seitlich am Gesicht hinunterfließen, als hätte ein stetes Rinnsal (wir wollen nicht sagen: aus Tränen) sein Bett in die Haut gegraben. Mit zarter Hand so lange darüber streichen, bis sie weggehen. Falten gehen niemals weg. Streicheln ist dennoch niemals unnütz, aber der Mann, der älter ist, als er aussieht, hat niemanden, der bzw. die ihn streichelt. Es gibt einige Menschen, denen er entfernt bekannt ist, diese nennen ihn Aug in Auge Hellmut, hinter seinem Rücken Marathonmann. Leute aus der Nachbarschaft, die man sporadisch trifft, zum Beispiel beim Mittagstisch in einer traditionellen Eckgaststätte (von denen es immer weniger gibt etc.). Dort wechselt man einige Worte, nichts Tieferes. Marathonmann antwortet ohnehin nur, wenn er gefragt wird, höflich und meist knapp.

Ein Pensionist der Bahn, ein ehemaliger Schaffner, warum frühverrentet, keiner fragt. Er tut nichts Benennbares, dennoch ist klar, dass er ein Sonderling ist, und obwohl das kein offiziell anerkannter Grund für eine Frühverrentung ist, nehmen alle an, dass es etwas damit zu tun hatte. Er kommt nur zum Mittagstisch, wenn es Königsberger Klopse gibt …“

(Aus: Terézia Mora: „Die Liebe unter Aliens“)