Zitat des Monats

01. September 2018

„Der junge Mann war vielleicht 18, der alte ist gar nicht alt, er ist erst 57, er sieht nur aus, wie manch anderer mit 75. Alt gewordenes herzförmiges Kindergesicht. Ehemals große Augen und ein spitzes Kinn, Nasolabialfalten und Krähenfüße, aber so welche, die seitlich am Gesicht hinunterfließen, als hätte ein stetes Rinnsal (wir wollen nicht sagen: aus Tränen) sein Bett in die Haut gegraben. Mit zarter Hand so lange darüber streichen, bis sie weggehen. Falten gehen niemals weg. Streicheln ist dennoch niemals unnütz, aber der Mann, der älter ist, als er aussieht, hat niemanden, der bzw. die ihn streichelt. Es gibt einige Menschen, denen er entfernt bekannt ist, diese nennen ihn Aug in Auge Hellmut, hinter seinem Rücken Marathonmann. Leute aus der Nachbarschaft, die man sporadisch trifft, zum Beispiel beim Mittagstisch in einer traditionellen Eckgaststätte (von denen es immer weniger gibt etc.). Dort wechselt man einige Worte, nichts Tieferes. Marathonmann antwortet ohnehin nur, wenn er gefragt wird, höflich und meist knapp.

Ein Pensionist der Bahn, ein ehemaliger Schaffner, warum frühverrentet, keiner fragt. Er tut nichts Benennbares, dennoch ist klar, dass er ein Sonderling ist, und obwohl das kein offiziell anerkannter Grund für eine Frühverrentung ist, nehmen alle an, dass es etwas damit zu tun hatte. Er kommt nur zum Mittagstisch, wenn es Königsberger Klopse gibt …“

(Aus: Terézia Mora: „Die Liebe unter Aliens“)

Kalendernotiz für September bis Dezember

01. September 2018

Das neue Programm ist da. Sie finden es hier…

12.10.2018, 18.00 Uhr, Galerie am Domhof: Auszeichnungsveranstaltung zum 11. Literaturwettbewerb „Heimat und Fremde“ mit musikalischer Begleitung der Gruppe „Kaiman“.

13.10.2018, 13.00–16.00 Uhr:: Workshop mit Christian Gesellmann (Vorherige Anmeldung erforderlich bis 15.09.2018 via moha[at]web.de!)

11.12.2018, 17.00 Uhr, Galerie am Domhof:: Drei Wünsche frei… vorweihnachtliche Zusammenkunft aller Gruppen. (Ein verpacktes Buch für das Literaturwichteln erbeten.)

Zitat des Monats

01. März 2018

„ERZÄHLEN. Ulrich konnte erzählen wie niemand sonst. Wenn er in Fahrt geriet, überschlugen sich die Bilder, ich verstand oft nicht einmal, worum es in seinen Geschichten ging, aber die Farben, die Worte, den Witz, bis heute habe ich davon Klänge im Ohr, Unzusammenhängendes, und wenn ich nachts nicht schlafen kann, rauscht Ulrichs Stimme durch mein Ohr mit Satzfetzen …

…und dann brachte Frau Petro diese Zweihundertfünfzig-Mark-Pute zu Ofen und hereingetragen wurde sie von zwei kleinen Nubiern, abgedeckt mit Aluminiumpapieren, weißt du. Und sie hatte ein Messer, so scharf, wenn man es nur ansah, hatte man sich schon geschnitten. [...] Und weißt Du, die amerikanische Post hat gesagt, wenn nach dem Atomkrieg noch irgendwas da ist, Post oder Adressen, dann liefern wir auch aus. […]

Ich habe auf diese Frau so lange gewartet, aber gelohnt hat es sich nicht, aber manchmal ist es draußen einfach zu dunkel für einen allein. Meine Seele ist irgendwie bei ihr hängengeblieben, und da ziept es jetzt immer so. Weißt du, sie hatte diese Haare, durch die man barfuß laufen möchte …“

(Aus: Elke Heidenreich „Alles kein Zufall“)